Tage im Eis oder die ungeschminkte Wahrheit

«Small wages, bitter cold, long months of complete darkness, safe return doubtful, honor and recognition in case of success…». Es klingt nicht sehr einladend, was Ernest Shackleton vor gut 100 Jahren an die Fassaden englischer Hafengebäude klebte (ab 0:18 im Video). Auf der Suche nach einer tüchtigen Mannschaft für die sogenannte «Imperial Trans-Antarctic Expedition» entschied sich der britische Polarforscher für die ungeschminkte Wahrheit. Nachdem er bei seiner letzten Expedition einige Jahre zuvor Mühe bekundete, die richtigen Männer für den anspruchsvollen Job im Eis zu kriegen, war ihm klar, was er diesmal brauchte: Knorrige Seebären, die Wind und Wetter trotzen, die angesichts langer, kalter Tage im Eis den Mut nicht verlieren würden und die auch unter widrigen Umständen in der Lage waren, sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Einstellung und Widerstandskraft der Mannschaftsmitglieder waren Shackleton wichtiger als Handwerk, das hatten ihn die letzten Expeditionen gelehrt.

Für den Erfolgsfall stellte er Ruhm und Ehre in Aussicht. Sollte es ihnen tatsächlich gelingen, die Antarktis von Küste zu Küste über den geographischen Pol zu überqueren, war ihnen die Anerkennung von Krone und Vaterland gewiss. Was heute manchem verstaubt, gar romantisch verklärt erscheinen mag, ist im goldenen Zeitalter der Antarktisforschung ein nicht zu unterschätzender immaterieller Wert. Arbeit, Ruhm und Ehre passten – und passen! – durchaus zusammen. Die Entstehung einer Arbeitsethik gilt auch der grossen wissenschaftlichen Expeditionen wegen als eine der zentralen Eigenschaften, die den Westen früher als andere Weltregionen industriell entwickelte [1].

Was lernen wir daraus für modernes Employer Branding? Die richtigen Mitarbeiter findet man nicht mit leeren Worthülsen und falschen Versprechung. Wer Talente sucht, muss diese auch gezielt ansprechen. Shackleton erhielt über 5’000 Bewerbungen, die er alle einzeln durchsah und aus denen er schliesslich ein Team von 56 Mann zusammenstellte. Das eigentliche Ziel, die Durchquerung der Antarktis von Küste zu Küste, verpasste Shackleton zwar. Die später als Endurance-Expedition bekannt gewordene Unternehmung war aber in anderer Hinsicht ein Erfolg: In einer waghalsigen Rettungsaktion, nach mehreren Monaten im Packeis, gelang es Shackleton, 50 Mann zu retten und wohlbehalten nach Hause zu bringen.

Die Aussichten auf Rettung waren gering, die Nahrung knapp und die vielen Tage in Dunkelheit zermürbten so manchen der gestandenen Seefahrer. Aber die Mannschaft hielt zusammen, teilte sich das wenige Robbenfleisch, verrichtete, wo immer möglich, auch wissenschaftliche Arbeit und wartete geduldig. Dafür wurden sie ausgesucht. Und dafür wurden sie später ausgezeichnet. Sie waren die richtige Besetzung für dieses Abenteuer – und überlebten.

[1] Vgl. hierzu: Ferguson Niall. Civilization. The West and the Rest. Allen Lane. Penguin Books London.

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